Seite 18-19 - Inside out 4/2014

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Forschen
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Seit Jahrzehnten prognostizieren Klima-
modelle, dass Dürre- und Regenperioden zu-
nehmen und Klimazonen sich verschieben;
in Europa von Süd nach Nord. Fragt man die
Deutschen, dann hat die Mehrheit diesen
Sommer sicher wieder besonders kalt und
verregnet erlebt. Bleibt die Klimaverschie-
bung bei uns aus?
Mojib Latif:
Der Norden hatte einen fantasti-
schen Sommer. Aber für den Großteil des Lan-
des traf das regnerische Sommerwetter wohl
zu. Dennoch bleibt die Klimaverschiebung
nicht aus. Man muss unterscheiden zwischen
Wetter und Klima. Klima ist das, was man er-
wartet, undWetter das, was man bekommt. Es
macht keinen Sinn, einzelne Jahre herauszu-
greifen, selbst ein Jahrzehnt ist eine zu kurze
Zeitspanne. Man muss den Zeitraum von 1900
bis heute betrachten, um die eigentlichen Ef-
fekte des menschgemachten Klimawandels
zu erkennen. Zum Beispiel ist die Temperatur
deutlich angestiegen. Ich bin 60 Jahre alt und
kenne aus der Kindheit wirklich kalte Winter –
ganz anders, als wir sie heute regelmäßig er-
leben.
Erleben wir in Europa bereits die prognosti-
ziertenWetterextreme?
Mojib Latif:
Wir erleben die Anfänge. Seit Be-
ginn der Wetteraufzeichnungen hat sich das
Klima in Deutschland um etwa ein Grad Celsius
erwärmt. Die Steigerung ist für einen Klimafor-
scher zwar signifikant, aber auch nicht so groß,
dass das Wetter jetzt schon außer Rand und
Band ist. Dennoch häufen sich die beiden Phä-
nomene extremer Regen und extreme Trocken-
heit. Wir haben dieses Wechselspiel erwartet.
Um 1,5 bis 4,5 Grad kann sich laut UNO-Kli-
marat die Erde in den nächsten Jahrzehnten
erwärmen.Warum sind dieTemperaturunter-
schiede so groß?
Mojib Latif:
Weil wir nicht wissen, wie sich die
Menschen zukünftig verhalten werden. Des-
halb simulieren wir die Entwicklung in ver-
schiedenen Szenarien, zum Beispiel mit einer
kontinuierlichen Drosselung der CO-Emission.
Andere Szenarien sind, dass der CO-Verbrauch
konstant bleibt oder sich erhöhen wird. Die ver-
schiedenen Szenarien führen zu unterschied-
lich starken Erwärmungen.
Klimaskeptikern ist diese Bandbreite willkom-
men, sie werten die Prognosen als unsichere
Aussagen.
Mojib Latif:
Die Ergebnisse sind eine Wenn-
Dann-Entscheidung. Sie zeigen uns die Mög-
lichkeiten auf, die wir haben. ImÜbrigen glaube
ich, dass die Unsicherheiten falsch interpretiert
werden. Unsicherheit heißt nicht, dass man
nichts tunmuss. Unsicherheit geht in viele Rich-
tungen: Vielleicht kommt es nicht so schlimm,
vielleicht entwickelt sich das Klima noch schlim-
mer als wir befürchten. Aber im Prinzip ist der
erwärmende Einfluss von CO in der Luft trivial
und wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts
untersucht.
Forscher erhoffen sich auch aus dem Blick in
die Vergangenheit Antworten. Extreme Kli-
maschwankungen gab es schon immer. Was
ist an dieser Erwärmung anders?
Mojib Latif:
Das ist in erster Linie die Geschwin-
digkeit. Die letzte Eiszeit hatte ihren Höhepunkt
vor ungefähr 20.000 Jahren. Danach hat sich das
Klima in 10.000 Jahren global um fünf Grad er-
wärmt. Wir sprechen jetzt seit Beginn der Indus-
trialisierung von einem knappen Grad – wohl-
gemerkt in 100 Jahren. Angenommen, die Erde
erwärmt sich bis ins Jahr 2100 um weitere vier
Grad, dann hätten wir eine Erdtemperatur von
knapp 20 Grad. Eine solche Erwärmungsrate
wäre einmalig und hätte erhebliche Auswir-
kungen auf das Klima. Wir würden außerdem
in Temperaturbereiche vorstoßen, die die Men-
schen noch nicht erlebt haben.
Von wirtschaftlichen Interessen abgesehen:
Warum gibt es immer wieder Forscher und
selbsternannte Experten, die die globale Er-
wärmung bestreiten?
Mojib Latif:
Innerhalb der Forschung gibt es
kaum einen Wissenschaftler, der die Erwär-
mung bestreitet. Wenn bestimmte Leute etwa
zu der Schlussfolgerung kommen, dass der
Mensch das Klima nur unwesentlich beein-
flusst und wir weiterhin ordentlich Kohle ver-
brennen können – der Klimakiller Nummer eins
–, weiß man, woher der Wind weht. Das sind
Lobbyisten. Ich kann solche Argumentationen
nicht ernst nehmen. Die Medien haben es zu
verantworten, dass diese Menschen so viel Ge-
hör finden. Sie folgen ihren eigenen Gesetz-
mäßigkeiten, und darauf möchte ich auch gar
keinen Einfluss nehmen. Freie Medien sind ein
kostbares Gut.
Warum tun sich Menschen schwer zu akzep-
tieren, dass sie eine erhebliche Mitschuld an
der Erwärmung tragen?
Mojib Latif:
Weil die Bedrohung für den Ein-
zelnen noch nicht spürbar ist. Ein Menschenle-
ben reicht kaum aus, um die sich langsam ent-
wickelnde Klimaerwärmung wahrzunehmen.
Ein weiteres Problem ist die räumliche Entkop-
pelung. Die Auswirkungen der globalen Erwär-
mung sind nicht überall gleich, sondern in ein-
zelnen Gebieten stärker als in anderen. Noch
sind in unseren Breiten die Auswirkungen nicht
dramatisch, in Ländern wie Bangladesch aber
„Wir geben uns
Scheinwelten hin”
„Der Wandel des Weltklimas be-
findet sich an einem Scheideweg.
Noch können wir eingreifen, aber
die Tendenz geht zumWorst Case.”
Foto: Heike Fischer, FH Köln
Deutschland kann ein weltweiter Vorreiter sein bei der Entwicklung von Technologien
für erneuerbare Energien, sagt Prof. Dr. Mojib Latif. Der renommierte Klimaforscher war
mit
Klimakiller Mensch?
Gastredner beim zweiten Cologne Science Talk, zu dem das
Präsidium und der Förderverein der Hochschule eingeladen hatten. Als Mahner der
aktuellen Klimaerwärmung findet Latif auch im Interview deutlicheWorte: Es bedürfe
dringend einer neuen Definition des ökonomisch besetzten
Wachstum
-Begriffs.