Seite 20-21 - Inside out 4/2014

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schon: Dessen Küste ist stark vom Anstieg des
Meeresspiegels bedroht. Die Verursacherstaa-
ten, die Industrieländer, sind nicht wirklich en-
gagiert, etwas zu ändern, weil sie bisher die Las-
ten kaum tragenmüssen. Das wird sich ändern,
wenn die Auswirkungen des Klimawandels sich
weiter verstärken. Egal wo etwas passiert, es
trifft in einer globalisiertenWelt alle Länder. Sei
es, weil sich die weltwirtschaftliche Lage oder
die Sicherheitslage auf diesem Planeten ver-
schlechtert.
Auf den Weltklimakonferenzen tut sich kein
Staat als ernstzunehmender Vorreiter in Sa-
chen Klimapolitik hervor. Macht Sie das wü-
tend?
Mojib Latif:
Es ärgert mich vor allem, dass die
Politiker Erfolgsmeldungen verkünden und da-
bei hin und wieder auch von „Durchbrüchen
historischen Ausmaßes“ sprechen. Im Gegen-
satz dazu ist der weltweite CO-Ausstoß alleine
seit 1990 um 60 Prozent gestiegen. Mehr aus-
einanderliegen könnten Anspruch und Wirk-
lichkeit nicht.
Was muss Ihrer Meinung nach passieren, da-
mit dieWirtschaftsmächte zu einemUmden-
ken bereit sind?
Mojib Latif:
Wenn es so etwas wie Gerechtig-
keit in der Weltpolitik geben würde, müssten
die Verursacher den ersten Schritt tun. Das sind
historisch gesehen die USA, gefolgt von den
anderen Industrienationen. China, das aktuell
die höchsten CO-Emissionen verantwortet, ist
für das Problem zwar mit-, aber nicht hauptver-
antwortlich. Betrachtet man die Entwicklung
seit Beginn des letzten Jahrhunderts, verant-
worten die USA alleine ein Viertel des CO-An-
stiegs in der Atmosphäre.
Auf dem letzten EU-Gipfel haben die Staats-
und Regierungschefs eine CO2-Reduktion
vonmindestens 40 Prozent beschlossen.Was
halten Sie von dem Beschluss?
Mojib Latif:
Das Problem an diesem EU-Be-
schluss ist seine Hintertür: Der europäische Rat,
das Gremium der Regierungschefs, ist immer
noch mit dem Thema befasst und dort müs-
sen die Entscheidungen einstimmig getroffen
werden. Insofern könnte beispielsweise Polen,
das auf Kohle setzt, alle Vorschläge blockieren.
Ich hoffe immer noch auf Vernunft und einen
Sinneswandel von Seiten der Politiker. Aber ich
glaube nicht, dass Verhandlungen irgendetwas
bewirken werden. Das können am Ende nur
technologische Entwicklungen. Und Fachhoch-
schulen sind natürlich prädestiniert, diese Ent-
wicklungen mitzugestalten.
Überzeugt Sie die deutsche Umwelt- und Kli-
mapolitik?
Mojib Latif:
Nein, sie überzeugt mich nicht.
Weil wir uns wieder vermehrt der Braunkohle
zugewendet haben, ist unser der CO-Aussstoß
in den letzten zwei Jahren wieder gestiegen.
Das ist ein Armutszeugnis. Dabei kann Deutsch-
land ein Vorreiter sein bei der Entwicklung er-
neuerbarer Energien. Deutschland hat gezeigt,
dass sie verfügbar, nutzbar und zu einem ver-
nünftigen Preis produzierbar sind. Wir wären
gut beraten, den Ausbau der Erneuerbaren zu
forcieren und uns dadurch unabhängiger von
Energieimporten zumachen. Deutschland gibt
jedes Jahr dafür circa hundert Milliarden Euro
aus. Diese Energie könnten wir billiger haben.
Und angesichts der dauernden Konflikte in
Krisengebieten wie der Ukraine und dem Na-
hen Osten werden die Preise weiter steigen.
Ich glaube, die erneuerbaren Energien wer-
den in Deutschland bis 2030 so stark etabliert
sein, dass der Druck auf andere Länder wach-
sen wird, es uns gleichzutun.
Ihr aktuelles Buch heißt
Das Ende der Ozeane
.
Welche Rolle spielen sie für unser Klima?
Mojib Latif:
Die Meere sind beim Klimawandel
Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite
nehmen sie sehr viel Wärme auf und transpor-
tieren sie in tiefere Meeresschichten. Dadurch
wird Erwärmung an der Oberfläche gedämpft.
Gleichzeitig werden so die marinen Ökosys-
teme geschädigt. Zum Beispiel besitzen Koral-
len keine große Temperaturtoleranz. Steigt die
Wassertemperatur um etwa zwei Grad Celsius,
können sie sich nicht anpassen und sterben.
Die Meere nehmen zurzeit außerdem ein Vier-
tel der weltweiten CO-Emmisionen auf. Auch
das dämpft die Erwärmung. Aber wenn CO
und Wasserstoff zusammenkommen entsteht
Kohlensäure und die Meere versauern. Dar-
unter leiden alle Lebewesen, die Kalkstruktu-
ren bilden müssen, also zum Beispiel Korallen,
Krebse, Schnecken und Muscheln. Und viele
der kalkbildenden Organismen stehen am An-
fang der Nahrungskette.
Das Thema„Klimakiller Mensch?”bot den
Gästen des Cologne Science Talk viel Diskus-
sionsstoff, hier Prof. Dr. Rudolf Hoscheid (li.)
und Uwe Kotz, Mitglied des Fördervereins der
Hochschule.
In Kombinationmit der Überfischungwerden
dieMeere an zwei Enden gleichzeitig zerstört.
Mojib Latif:
Genau. Deshalb habe ich das Buch
geschrieben. Hinzu kommt auch noch der Plas-
tikmüll in den Meeren. Kunststoffe sind langle-
bige Materialien, die bis zu 300 Jahre im Was-
ser bleiben. Während des Abbauprozesses
nehmen sie weitere Giftstoffe auf und werden
von Tieren gefressen. Die Tiere werden vergif-
tet und am Ende nehmen wir diese Giftstoffe
wieder auf. Ein weiteres Problem sind die Aqua-
kulturen an den Küsten mit ihrem Einsatz gro-
ßer Mengen von Antibiotika. Da passieren die
gleichen Fehler wie bei der Massentierhaltung.
Hinzu kommen Ölkatastrophen und die radio-
aktive Verschmutzung wie in Fukushima. All das
treibt mich um. Ich glaube, die Meere können
viel schneller kippen, als wir das jetzt für mög-
lich halten.
Die Politik argumentiert gerne mit dem Pri-
mat desWachstums und demdrohendenVer-
lust von Arbeitsplätzen.
Mojib Latif:
Aber wenn wir auf regenerative
Energien umstellen, generieren wir einen enor-
men Wachstumsschub und würden auch Ar-
beitsplätze schaffen. Die eigentliche Frage
ist: Wie definieren wir Wachstum? Heute wird
Wachstum nur ökonomisch und monetär de-
finiert. Dabei kann es auch ein Wachstum an
Lebensqualität bedeuten. Die Menschen sind
nicht glücklicher, wenn sie ein zweites Auto
oder einen dritten Fernseher haben. Wir geben
uns Scheinwelten hin, benötigen aber etwas
anderes: Freunde, Familie, Zuwendung, Liebe.
Deshalb braucht es eine gesellschaftliche De-
batte über Wachstum im weitesten Sinne.
Viele Menschen erleben sich handlungsun-
fähig in einem System, das sie nicht ändern
können.
Mojib Latif:
Ich denke, das ist falsch. Der Mau-
erfall in Deutschland ist auch nicht passiert,
weil er verordnet wurde, sondern weil die Men-
schen ihn wollten. Es braucht eine Bewegung
aus der Gesellschaft, von einer breiten Bevöl-
kerungsschicht. Dann reagiert auch die Poli-
tik. Hätte es nicht seit Jahrzehnten eine breite,
wenn auch viel belächelte, Anti-Atom-Bewe-
gung gegeben, wäre der Ausstieg nicht ge-
kommen. Man muss sich einmischen – und
einen langen Atem haben. Deshalb lasse ich
dieses Argument nicht gelten.
Interview: Monika Probst
Die Fachhochschulen sieht Prof. Dr. Mojib Latif als prädestiniert, umTechno-
logien für erneuerbare Energien zu entwickeln. Prof. Dr. EberhardWaffen-
schmidt (re.) forscht zu dezentralen Speichern für elektrische Netze.
Zum Cologne Science Talk kamen auch Mitglieder des
Fördervereins der Hochschule, u. a. der Vorsitzende Norbert
Graefrath (li.) und Karl-Heinz Spieß (re.).
Dr. Andreas Cerbe, Vorstandsmitglied der
RheinEnergie (li.), imGespräch mit Prof. Dr.
Christoph Seeßelberg, Präsident der Fach-
hochschule Köln.
Prof. Dr. Mojib Latif, 1954 in Hamburg ge-
boren, studierte Meteorologie, promo-
vierte in Ozeanographie und habilitierte
1989 an der Universität Hamburg in Oze-
anographie. Seit 2003 ist er Professor am
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozean-
forschung Kiel und leitet dort den For-
schungsbereich Ozeanzirkulation und
Klimadynamik sowie die Forschungsein-
heit Maritime Meteorologie.
Land unter in Köln: Den Klimawandel beglei-
ten die Medien schon seit Jahrzehnten, mal
skeptisch, dann wieder apokalyptisch, wie
hier der Spiegel in einer Ausgabe von1986.
Für Professor Mojib Latif wird dabei oft Hyste-
rie und Effekthascherei betrieben auf Kosten
der wissenschaftlichen Fakten. Die sprächen
für sich: „Es ist eine triviale Tatsache, dass CO
die Atmosphäre erwärmt. Und der CO-Aus-
stoß ist seit 1990 um 60 Prozent gestiegen.”
Fotos: Heike Fischer, FH Köln
SPIEGEL33/1986