Seite 24-25 - Inside out 4/2014

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Foto: Thilo Schülgen, FH Köln
Was hat Walther von der Vogelweide mit den
Rappern Raekwon und Kool Savas gemeinsam?
Sie haben
Flow
, sie haben
Skillz
– sie verbindet
mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Schon
imMittelalter war Lyrik vor Publikumgroßes En-
tertainment. DieWortkunst von Troubadouren
oder Sangspruchdichtern wie Walther von der
Vogelweide galt in Europa als kulturelles Maß
der damaligen Zeit.
Könige, Herzöge und finanzkräftige Mäzene
schätzten die Dichter nicht nur zur Unterhal-
tung. Ihre Themen reichten von Politik, Reli-
gion, Moral und Gesellschaftskritik bis hin zu
Satire und Polemik. Dabei attackierten sie auch
ihre Konkurrenten. Überliefert sind Dichterfeh-
den und legendäre Sängerkriege, wie zum Bei-
spiel der Wartburgkrieg aus dem 13. Jahrhun-
dert. ImRap nennt man diese Fehden
Battle
, die
Waffen sind die gleichen: Manmisst sich durch
seine überlegene Kunstfertigkeit:
Skillz
. Sieger
ist, wer mit seinen Zitaten, Bezügen, Wortkre-
ationen, Allegorien und Metaphern das Publi-
kum für sich gewinnt oder seinen Gegner re-
gelrecht sprachlos textet.
Rhetorisch brillianteWortakrobatik
Um sich davon einen Eindruck zu verschaffen,
empfiehlt Monika Sokol das Finale des Films
8Mile
, in demUS-Rapper Eminem seinem Kon-
kurrenten alle Argumente vorwegnimmt und
zerpflückt. „Rhetorisch brillant und packend“
sei die Passage. Die Professorin an der Fakultät
für Informations- und Kommunikationswissen-
schaften befasst sich wissenschaftlich mit Rap
und Hip-Hop. „Eher unüblich für eine Sprach-
wissenschaftlerin“, sagt sie.
Monika Sokol ist eine Spätberufene. Vor ihrem
Studium der Romanistik und Germanistik war
sie Buch- undMusikhändlerin und legte neben-
bei Platten auf. Rap hörte sie privat kaum, ver-
folgte aber beruflich denWeg der ehemaligen
Undergroundkultur, deren globaler Erfolg nach
und nach andere Genres infiltriert und Mode
und Filme beeinflusst hat. Die wissenschaftli-
che Auseinandersetzung kam später und eher
durch Zufall. Als Nachwuchswissenschaftlerin
mit dem Schwerpunkt Grammatik und Gram-
matiktheorie war sie die abgehobenen Diskus-
sionen und„Grabenkämpfe um nichts“ in ihrer
Disziplin oft leid. Aus Frust darüber suchte sie
nach einer Alternative.
„Ich brauchte ein Vortragsthema für einen Kon-
gress und erinnerte mich, dass mir als Studen-
tin in einem mediävistischen Seminar einmal
etwas aufgefallen war“, erzählt sie. „Wir bespra-
chen damals das altspanische Heldenepos
El
poema del mio Cid
. Dessen schriftlich überlie-
ferte Verse gelten von ihrer Reim- und Silben-
struktur her als unregelmäßig. Mir fiel eine Ähn-
lichkeit mit den Vers- und Assonanzstrukturen
im Rap auf. Wie ein Gedicht aufsagen konnte
man die altspanischen Verse nicht, rappen aber
schon.“ Das war der Einstieg. Seitdem unter-
sucht Sokol Rap und Hip-Hop diskurstraditio-
nell undmedienwissenschaftlich. In der verglei-
chenden Rap-Forschung hat sie sich etabliert
und das Genre inzwischen lieben gelernt.
Provokationen sind immer auch ein Code
Rap lebt von Improvisation und Variation,
ähnlich wie die mittelalterliche Dichtung.
Das kommt nicht von ungefähr: „Beide gehö-
ren zum universellen Bereich der Oratur, der
mündlichen und meistens musikalisch unter-
malten Wortkunst“, erzählt Sokol. „Sie ist älter
und kulturübergreifender als Literatur.“ InWest-
afrika verbreiten die
Griots
, ihres Zeichens Dich-
tersänger und Instrumentalisten, Nachrichten,
kommentieren sie und unterhalten dabei. In
Südamerika gibt es den sprachlich-musikali-
schen Improvisationswettkampf im Genre
La
Payada
. „Diese Traditionen verbreiten sich oft
über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Was
dabei passiert, ist eben nicht nur sprachlich fas-
zinierend.“
Rapper artikulieren sich kreativ und versiert,
aber oft auch derbe und obszön. Ihre sexis-
tischen und gewaltverherrlichenden Texte
bewegen immer wieder die Gemüter – in
Deutschland zuletzt, als dem Rapper Bushido
ein Preis für Integration verliehen wurde. Was
auf Außenstehende provozierend wirken soll,
ist zusätzlich immer ein interner Code. „Mehr-
deutigkeit und Tabubruch gehören zum uni-
versellen Repertoire wettbewerbsorientierter
Dichtung. Auch jede andere Kunstform muss
im Betrachter etwas auslösen. Wenn Bildende
Kunst nicht irritiert und die Aufmerksamkeit
bannt, hat sie versagt“, betont Sokol.
Die im Gangsta-Rap vielbeschworene
Realness
ist also nicht eindimensional zu verstehen. Weil
Gangsta-Rap besonders stark in älteren afro-
amerikanischen Sprach- und Rollenspieltradi-
tionen verankert ist, „muss jeder, der sich als
real Gangsta
rühmt, diesen alten Kernbestand
beherrschen – ohne dabei unbedingt krimi-
nell sein zu müssen. Dazu gehört das
Signify-
ing
, das Verwischen der Grenze zwischenWört-
lichkeit und Metapher, Realität und Fiktion.“ Im
Hip-Hop-Englisch stehen Ausdrücke wie
to kill
und
to murder
dafür, dass man den Gegner im
Wortgefecht besiegt. Der Ausdruck
Bitch
zielt
auf konkurrierende Rapper, die man als Mari-
onetten der Musikindustrie schmäht. Diaman-
ten markieren Coolness, Härte im
Battle
und
Reichtum an
Skillz
.
Für die einen Bildung, für andere Geld
„Rap-Szenen reagieren auf ihr gesellschaftliches
Umfeld und leuchten dessen verdeckte Unter-
gründe aus“, sagt Sokol. ImUS-Rap stehe mate-
rieller Reichtum im Fokus; das Streben danach
stelle in der Mehrheitsgesellschaft einen ho-
henWert dar. Frankreich sehe sich hingegen als
Kulturnation, die französische Sprache und Bil-
dung gelten als Kulturgüter von hohem Wert.
„Französische Rapper nehmen dieses Selbstver-
ständnis ins Visier und stellen es auf den Kopf.
Ihre Texte sind deshalb intellektuell aufgeladen,
rhetorisch geschliffen undmit literarischen An-
spielungen gespickt.“
Undmit welchemgesellschaftlichen Selbstver-
ständnis spielt der deutsche Rap? Ausgrenzung
und das Fremdsein im eigenen Land sind hier
genauso Thema wie andernorts auch. Dane-
ben sind aber auch Künstler erfolgreich, die von
Rap-Experten eher geschmäht und von der For-
schung oft ignoriert werden. Selbst die Fans se-
hen deren Musik nicht immer als echten Rap.
Sokol meint, gerade hier zeige sich aber, was
Rap ausmache: „Existenzielle Probleme gab es
im deutschen Mittelschichtsumfeld nach 1960
kaum noch. Wer dem Klischee des verwöhn-
ten Wohlstandskinds entgehen wollte, wurde
Teil einer Sub- oder Gegenkultur. Rap funktio-
niert aber nur, wennman Probleme zumThema
macht, die man wirklich repräsentiert. Wenn
man die Klischees seiner eigenen Identität pro-
vokativ verhandelt.“
Es gibt noch Tabuzonen
Warum also nicht das Klischee vom sorgen-
freien und spaßorientierten Jungsein in der
deutschen Provinz aufs Korn nehmen? Die
kleinen Nöte zum großen Theater aufblähen?
Wie so etwas geht, haben die FantastischenVier
vorgemacht:„Mit ihrem schwäbischen, bunten
Spaß-Rap waren sie so
real
, wie man es als deut-
sche Mittelschichtgewächse nur sein kann.“ Das
gelte auch für den derzeit erfolgreichsten deut-
schen Rapper Cro. Er firmiert unter
Raop
, der
Verbindung aus Rap und Pop und trägt immer
seine Pandamaske.
Das ist eine für Rap noch
typischere Doppelbotschaft: Er liefert nicht nur
ein Statement zu den Klischees über die von
ihm repräsentierte Gruppe, sondern auch zum
alten Klischee vom ,echten‘ Rap. Wennman das
übersetzt, bedeutet es so viel wie ,Ja ja, immer
die alte Leier: Wir sind zu behütet, haben Angst
vor dem wirklichen Leben, identifizieren uns
mit niedlichen und vom Aussterben bedroh-
ten Tieren und können deshalb keinen echten
Rap. Aber eure Bilder von der Wirklichkeit und
vom Rap sind überholte Karikaturen, die euch
die Sicht verstellen!‘ Cro demonstriert mit die-
sem Doppelspiel, dass er die Tiefengrammatik
des Rap aus dem FF beherrscht.“
Grammatik ist für Monika Sokol der Dreh- und
Angelpunkt. Mittlerweile hat sie ein anderes
Grammatikverständnis gewonnen. „Sie hält
meine Sprach-, Kultur- und Medienwissen-
schaft im Innersten zusammen. In der Antike
war das GrammatikstudiumVoraussetzung für
alle weiteren Studien. Im Mittelalter wurde sie
als grammatica speculativa – als ,spiegelnde
Grammatik‘ – sogar zur Grundlage wissen-
schaftlicher Erkenntnis: Die Welt spiegelt sich
im Denken und das Denken dann in der Spra-
che. Man musste also Grammatik studieren,
weil sich darin das menschliche Denken spie-
gelt – und mittelbar die Strukturiertheit der
Welt und der Natur.“
mp
Vom Minnesang
zum Rap
Was macht guten Rap aus? Warum ist Rap mehr als nur Musik und was
sagt er über unsere Gesellschaft? Die Sprachwissenschaftlerin Prof.
Dr. Monika Sokol untersucht Rap und Hip-Hop medienwissenschaft-
lich und hat über ihre Arbeit das Genre lieben gelernt. Ihr Interesse am
Sprechgesang begann eher ungewöhnlich: über mittelalterliche Verse.
„Die Fanta Vier waren so
real
,
wie man es als Mittelschichts-
gewächse nur sein kann.”
Foto: Costa Belibasakis, FH Köln
Spiel mit Kli-
schees: Kapuzen-
pullis trägt Prof.
Dr. Monika Sokol
zwar seltener als
früher, dafür hört
sie mittlerweile
auch privat
gerne Rap. Seit
2010 ist sie an
der Fachhoch-
schule Köln
Professorin für
Allgemeine und
Romanische
Sprachwissen-
schaft, Medien-
wissenschaft und
Medienkommu-
nikation sowie
allgemeine und
französische Kul-
turwissenschaft.