Seite 26-27 - Inside out 4/2014

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Forschen
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Herr Sander, was bedeutet es für Sie, einen
Jean-Monnet-Lehrstuhl innezuhaben?
Harald Sander:
Der Lehrstuhl ist für mich eine
sehr große Auszeichnung. Ich finde es wun-
dervoll, dass es an der Fachhochschule Köln
jetzt erstmals einen solchen Lehrstuhl gibt.
Gerade jetzt, wo der Euro und Europa so oft in
der öffentlichen Kritik stehen, möchte ich mit
dem Jean-Monnet-Lehrstuhl wissenschaftlich
Position beziehen undmich in die öffentliche
Debatte einbringen.
Wird die stärker werdende Kritik an Europa
eine direkte Auswirkung auf Ihre Arbeit am
Lehrstuhl haben?
Harald Sander:
Das wird definitiv der Fall sein.
Wissenschaftler arbeiten heute nicht mehr
nur im Elfenbeinturm. Wir müssen uns ein-
mischen und wissenschaftliche Grundlagen
erarbeiten, die für die Politikgestaltung nutz-
bar sind. Gerade in Bezug auf die Eurokrise
wird so viel gesagt, was wissenschaftlich nicht
haltbar ist. Da ich mich intensiv mit den eu-
ropäischen Finanzmärkten beschäftigt habe,
möchte ichWege aufzeigen, die nachhaltig zu
einer Lösung der Eurokrise beitragen.
Welche Projekte werden Sie konkret verfol-
gen?
Harald Sander:
In der Lehre organisiere ich
schon länger Winter und Summer Schools für
ausländische Studierende. Hier möchte ich Stu-
dierende aus allen Fakultäten stärker einbezie-
hen, so dass es zu einem europapolitischen Di-
alog zwischen ausländischen und deutschen
Studierenden kommt. In der Forschung werde
ich meine bisherige Arbeit zur Finanzmarktin-
tegration in Europa fortführen. Schwerpunkte
werden die politischen Dimensionen sein, ins-
besondere wie die Regulierung der Finanz-
märkte in Europa weiterentwickelt werden
muss, um die Region stabiler zu machen. Als
meine Aufgabe sehe ich aber auch die Verbrei-
tung des Wissens über Europa an – nicht nur
in Fachkreisen, sondern auch in der Öffentlich-
keit, etwa über Vorträge an der Fachhochschule
Köln, aber auch an anderen Hochschulen wie
unserer Partnerhochschule, der UniversitätWar-
schau. Und ich möchte meine Präsenz in der
Blogosphäre ausbauen.
Inwiefern sind Sie da bereits aktiv?
Harald Sander:
Ich blogge regelmäßig. Nicht
nur in meinem eigenen Blog auf haraldsan-
der.wordpress.com, sondern auch in Blogs,
die editiert werden. Zum Beispiel im Europa-
Blog der London School of Economics und
beim australischen Uni-Konsortium „The Con-
versation“.
Wie waren die Reaktionen auf Ihren Lehr-
stuhl?
Harald Sander:
Ich war sehr überrascht über
die vielen sehr positiven Reaktionen. Viele Kol-
legen und Studierende sind spontan auf mich
zugekommen und haben mir gratuliert. Viele
haben aber auch gefragt: Was macht eigent-
lich ein Jean-Monnet-Lehrstuhl? Andere ha-
ben das selbst recherchiert. Ich glaube daran
zeigt sich, wie wichtig es ist, dass es gerade
jetzt einen europapolitischen Lehrstuhl an der
Fachhochschule Köln gibt. Denn Europa ist
mehr als das Europa der Finanzkrisen; es ist
ein großartiges Friedens- und Integrations-
projekt. Diese Überzeugungsarbeit ist genau
das, zu dem ich mit dem Monnet-Lehrstuhl
beitragen möchte.
Interview: Christian Sander
SMALLTALK:
Jean-Monnet-Lehrstuhl für Harald Sander
Prof. Dr. Harald Sander vom Schmalenbach Institut für Wirtschaftswissenschaften hat
für die kommenden drei Jahre einen von 52 neuen Jean-Monnet-Lehrstühlen der Euro-
päischen Kommission inne. Verbunden mit der Auszeichnung ist eine Fördersumme von
50.000 Euro. Der Lehrstuhl zeichnet weltweit exzellente Forschungs- und Lehraktivitäten
zur Europäischen Union aus. Harald Sander will dabei ein besseres Verständnis für
Europa vermitteln.
Foto: Belibasakis, FH Köln
Welches Fazit ziehen Sie zu Ihrer Zeit an der
Fachhochschule Köln?
Ulrich Mergner:
Für mich war es eine unheim-
lich gute Zeit, in der ichmich weiterentwickeln
konnte. Ich war vor 1996 über 20 Jahre in der
Forschung tätig und hatte eigentlich durch und
durch eine forscherische Identität. Als ich hier-
her kam, musste ich erst einmal lernen, wie
Lehre funktioniert. Damals dachte ich auch
nicht daran, dass ich einmal in der Lage sein
könnte, Dekan zu sein. Aber ich habe enorm
viel Unterstützung gefunden. Und auch für die
Fakultät, denke ich, war es eine gute Zeit, weil
wir gemeinsam viel erreicht haben. Die Fakul-
tät steht heute in der Hochschul- und Wissen-
schaftslandschaft hervorragend da. Angefan-
gen hat diese Entwicklung schon in den alten
Fachbereichen Sozialarbeit und Sozialpäda-
gogik, die damals allerdings nicht besonders
gut kooperiert haben. Die Fakultätsgründung
2002 war deshalb eine Herausforderung: Wie
kriegt man es hin, dass die Menschen mitei-
nander reden, zusammen Projekte machen
und einen gemeinsamen Studiengang entwi-
ckeln? Es war sehr schwierig, zusammen zu fin-
den und es hat eine unheimlich lange Zeit der
Kommunikation, des Streits und der Annähe-
rung gebraucht. Dass die Fakultät sich letztlich
so toll entwickelt hat, daran haben natürlich
viele Leute ihren Anteil.
Was zeichnet die Fakultät heute aus?
Ulrich Mergner:
Die Fakultät lebt heute tat-
sächlich das Ideal, dass an einer Hochschule
Forschung und Lehre eine Einheit bilden soll-
ten. Wir haben tolle Studiengänge aufgebaut
und an ihrer Weiterentwicklung gearbeitet.
Meine Kolleginnen und Kollegen machen aus-
einen bebilderten Band zum Forschungspro-
jekt geben. Viele der darin vorgestellten The-
men konnten wir nicht weiter vertiefen, des-
halb würde sich ein Anschlussprojekt anbieten.
Wie geht es bei Ihnen persönlich weiter?
Ulrich Mergner:
Schon als ich 2013 das Amt
des Dekans aufgegeben habe, wollte ich kür-
zer treten. Deshalb bin ich nach und nach von
Funktionen und Positionen zurückgetreten und
habe mich darauf gefreut, zuhause zu sitzen
und meinen Ruhestand zu genießen. Aber bis-
lang schaffe ich das noch nicht recht. Ich bin
noch als Gutachter imAkkreditierungsgeschäft
tätig und arbeite an dem fakultätsübergreifen-
den Weiterbildungsprojekt „Strategien zur In-
klusion“ mit – vomGeschichtsprojekt, das mich
richtig gepackt hat, mal ganz abgesehen. Aber
allmählich versuche ich, meine Verpflichtun-
gen weiter zu reduzieren, um das zu tun, was
Rentner üblicherweise tun: Mich mehr um die
Familie, insbesondere um meinen Enkel Noah
kümmern, lesen, wandern, Pilze suchen, Ten-
nis spielen und vor allem endlich meinem Fo-
tohobby intensiver nachgehen. Aber das wird
sicher noch etwas dauern.
Interview: Christian Sander
gezeichnete Lehre mit Projekten, von denen ei-
nige beispielgebend für die Hochschule waren
und sind, wie Tutorien oder Lehrforschungspro-
jekte. Die überwiegende Zahl der Kolleginnen
und Kollegen forscht, ist in den jeweiligen Sci-
entific Communities verankert und wirbt Dritt-
mittel ein. Die Fakultät hat sich in der Fachhoch-
schule eine respektierte Position erarbeitet. In
den Anfangsjahren der Hochschule hatten die
Fachbereiche ja eine gewisse Sonderstellung:
Sie waren die politisch Unangepassten, die
„Chaoten“, diejenigen, die mit Verwaltung und
Ministerium nicht viel am Hut hatten.
Wie ist Ihr Fazit zum Projekt „Hundert Jahre
Ausbildung für die Soziale Arbeit in Köln“?
Ulrich Mergner:
Wir haben es uns kleiner vor-
gestellt (lacht). Das Projekt ist während der Ar-
beit daran immer größer geworden. ZumGlück
habe ich mit Anette Kunz eine tolle Kollegin,
die Historikerin ist. Durch die Forschungsarbeit
ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, sich
mit der Vergangenheit der Sozialen Arbeit aus-
einander zu setzen. Nur so kann man verste-
hen, wie bestimmte Themen entstanden sind,
die heute noch Bedeutung haben oder sogar
konfliktbehaftet sind. Im Frühjahr 2015 wird es
18 Jahre war Dr. Ulrich Mergner Professor für
Soziologie an der Fachhochschule Köln. Als
Dekan hat er von 2001 bis 2013 die Geschicke der
Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften
gelenkt. Mit der Konferenz„Hundert Jahre Aus-
bildung für die Soziale Arbeit in Köln” verabschie-
dete sich Ulrich Mergner in den Ruhestand – in
Etappen. Warum ihm der Abschied vomWissen-
schaftsbetrieb nicht leicht fällt und welche Pläne
er zukünftig verfolgt, erzählt er im Interview.
„Die Fakultät hat
sich toll entwickelt,
daran haben
viele ihren Anteil.”
Der Aufbruch
der politisch
Unangepassten
Prof. Dr. Ulrich Mergner und Anette Kunz präsentierten ihre Forschungser-
gebnisse zu„Hundert Jahre Ausbildung für die Soziale Arbeit in Köln”. Mit der
Gründung der erstenWohlfahrtsschule in Köln begann 1914 in Deutschland
das Jahrhundert der beruflichen Sozialen Arbeit. Seitdem habe das gesell-
schaftliche Bewusstsein für die Bedeutung der Sozialen Arbeit deutlich zuge-
nommen, so die beiden Referenten.
Fotos: Thilo Schmülgen, FH Köln