Seite 16-17 - Inside out 4/2014

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Wenn bei einer Naturkatastrophe Hunderte
von Menschen verletzt oder Flüchtlinge in ei-
nem Auffanglager medizinisch versorgt wer-
den müssen, dann sollte die Hilfe schnell und
unbürokratisch sein. Nahrungsmittel, Medika-
mente und medizinische Ausrüstung sind oft
aber eine Frage des Geldes. Gleichzeitig wer-
den medizinische Geräte zunehmend hoch-
wertiger und damit teurer in der Herstellung,
zum Beispiel Orthesen. Diese orthopädischen
Hilfsmittel stabilisieren und entlasten verletzte
Gliedmaße.
Für Marina Scheinberg ist Prothetik und Or-
thopädie ein hochaktuelles Thema, mit dem
sie sich schon vor ihrer Diplomarbeit intensiv
beschäftigt hat. Der Designerin kommt der
soziale Aspekt bei der technologischen Wei-
terentwicklung viel zu kurz. In Krisen- und Ent-
wicklungsländern können sich die wenigsten
Menschen diese hochwertigen Hilfsmittel leis-
ten. Viele versorgen ihre verstauchten oder ge-
brochenen Gliedmaßen oft nur notdürftig und
laienhaft – oder aus Mangel an Möglichkeiten
manchmal auch gar nicht. Das führt zu Fehl-
stellungen, weil Muskeln falsch belastet werden
oder Knochen verwachsen. Wenn sich durch
schlechte Hygiene Infektionen bilden, drohen
sogar Amputationen.
Fünf Euro in der Herstellung
Marina Scheinberg suchte in ihre Diplomarbeit
deshalb nach einer Möglichkeit, Notfallorthe-
sen zu entwickeln, die einfach und kostengüns-
tig in der Herstellung sind, aber genauso ef-
fektiv wie die hochwertigen Varianten. Betreut
von den Professoren Hatto Grosse und Günter
Horntrich (em.), startete sie mit einer Orthese
für das Handgelenk. Es begannen abendfül-
lende Recherchen in der medizinischen Biblio-
thek der Kölner Uni, bei denen sie die Anatomie
von Elle und Speiche untersuchte. Die 29-Jäh-
rige holte sich dazu Rat bei Orthopädietechni-
kern der Deutschen Sporthochschule Köln und
bei Marcel Baerifwyl von der Johanniter Unfall-
Hilfe e. V. Herausgekommen ist eine Orthese,
die in ihrer Materialzusammensetzung überra-
schend simpel wirkt.
Weniger als fünf Euro kostet die Handschiene
in der Herstellung. Das reduzierte Design mag
vielleicht manchen Skeptiker auf den Plan ru-
fen. Doch
Orthostruct
, so der Produktname,
funktioniert und könnte für Rettungskräfte
in der ganzen Welt ein echter Gewinn sein.
Für ihre Idee ist Marina Scheinberg als Siege-
rin in der Kategorie Nachwuchs des mit 4.000
Euro dotierten Designpreis der Bundesrepub-
lik Deutschland 2014 ausgezeichnet worden.
Das Hauptelement von
Orthostruct
ist eine
achtförmige Schiene, gebildet aus zwei Pols-
terungsflächen und einemmetallischen Stabi-
lisierungskern. Angepasst an die anatomischen
Grundformen von Elle und Speiche umschließt
die Schiene den Unterarm und wird durch drei
Befestigungsgurte fixiert; der Arm wird ruhig-
gestellt und nicht mehr belastet. Die Hand-
schiene kann man für verschiedene Behand-
lungszwecke manuell anpassen, ohne das
zusätzliches Werkzeug nötig ist. „Ihre Funkti-
onsfähigkeit haben wir in Testversuchen mit
Probanden belegt. Einige führende Hersteller
von orthopädischen Produkten haben das be-
stätigt.“
Preisgeld in erste Produktion investiert
Die Absolventin der Köln International School
of Design erhielt bei ihrer Suche nach Koope-
rationspartnern zwar viel Anerkennung, große
Unternehmen sind an ihrer Entwicklung aber
bisher nicht interessiert.„Sie sehen darin keinen
finanziellen Gewinn“, sagt Scheinberg, ohne da-
rüber enttäuscht oder verärgert zu sein. So funk-
tioniert der Markt. Außerdem sieht sie in
Or-
thostruct
ein karitatives Produkt, das nicht von
Dritten kommerziell genutzt werden soll. Des-
halb hat Scheinberg ihre Entwicklung zum Ge-
schmacks- und Gebrauchsmuster angemeldet.
„Ein Patent ist anhängig, so ist die offizielle Be-
zeichnung“, sagt sie und lacht. Mit gewerblichen
Schutzrechten muss sich eine Designerin auch
auskennen.
Damit
Orthostruct
möglichst bald in den Ent-
wicklungsländern zum Einsatz kommen kann,
sucht Scheinberg zurzeit verstärkt nach Produk-
tions- und Vertriebsmöglichkeitenmit regiona-
len Kooperationspartnern. Ihr Preisgeld hat sie
in die Herstellung einer Kleinserie investiert. Die
ersten 100 Probeschienen kommen also bald
bei Notfallambulanzen, Feuerwehr- und Ret-
tungsdienst und verschiedenen Hilfsorganisa-
tionen zum Einsatz. Außerdem arbeitet die De-
signerin an einer Produktserie mit Varianten für
den Ellenbogen und das Sprunggelenk – ne-
ben der Hand die Gliedmaßen mit der höchs-
ten Verletzungsrate.
mp
Handschiene für fünf Euro
Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2014 für Marina Scheinberg
Eine Polsterfläche und drei Klettverschlüsse, fertig ist
Orthostruct
.
Die orthopädische Handschiene ist speziell für die massenhafte
Patientenversorgung in Entwicklungsländern, Krisen- und Kata-
strophengebieten gedacht.
Marina Scheinberg (li.) hat
Or-
thostruct
als karitatives Produkt
entwickelt; die Herstellungskosten
betragen nicht einmal fünf Euro.
Die achtförmige Schiene ist an die
anatomischen Grundformen von
Elle und Speiche angepasst und
stabilisiert den Unterarm.
Fotos: Scheinberg Design